Die meisten Menschen denken bei Gibraltar zuerst an die Affen, die dort auf dem riesigen Felsen leben. Aber Gibraltar ist mehr als das: ein Stück Großbritannien mitten in Spanien. Am besten erobert man die Stadt zu Fuß. Wir haben uns dafür zwei Tage Zeit gelassen.
W as? Zwei Tage in Gibraltar? Ja, wirklich, und wir haben noch nicht einmal alles gesehen. Aber von vorn! Warum überhaupt ist Gibraltar etwas Besonderes? Als britisches Überseegebiet an der Südspitze Spaniens ist es eine Kuriosität. In der Geschichte war die Halbinsel aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage an der nach ihr benannten Meerenge zwischen Mittelmeer und Atlantik heiß umkämpft. Und auch wenn man hier schon fast afrikanische Luft atmet, geht es hier in vielerlei Weise sehr britisch zu.
Nicht auf europäischem Boden
Es fängt schon bei der Anreise an, die man am besten zu Fuß unternimmt. Denn man sollte nicht vergessen, dass man beim Betreten der Halbinsel politisch gesehen europäischen Boden verlässt. Eine Grenzkontrolle findet also für jeden statt, der nach Gibraltar will. Hat man sie hinter sich, steht man fast schon auf dem Rollfeld des Flughafens.
Das Gebiet von Gibraltar ist so klein, dass nur genau hier, am Eingang zur Stadt, Platz für die Start- und Landebahn war. So hat man pragmatisch entschieden, dass hier einfach der gesamte Verkehr die Landebahn kreuzt, solang kein Flugzeug startet oder landet. Eine Schranke mit Ampel verhindert, dass irgendwer unkontrolliert das Rollfeld quert. Wenn man die Stadt zu Fuß besucht, wartet man hier gemeinsam mit anderen Fußgängern, Radfahrern und einer riesigen Heerschar von E-Scooter-Fahrern.
Der Felsen ist immer da
Immer im Blick: der riesige Kalksteinfelsen, der sich fast auf jedem Foto an diesem besonderen Ort irgendwie mit reindrängelt. Lässt man den Flughafen hinter sich, ist man schnell auf eng bebautem Gebiet, denn Grund und Boden hier sind rar und teuer, sodass eigentlich jedes Fleckchen Erde bebaut ist. Außer eben dem Felsen, der ein Naturschutzgebiet beherbergt: hier gibt es die einzigen freilebenden Affen auf dem europäischen Festland.
Natürlich wollen wir diese Affen treffen und mehr oder weniger nebenbei einen kleinen Einblick in diese seltsame Gegend im Süden Europas bekommen. Unser Fortbewegungsmittel sind die Füße, mit denen wir es tatsächlich schaffen, den größten Teil der Halbinsel zu erkunden. Wir starten im spanischen La Línea de la Concepción am Yachthafen und gelangen von dort in etwa einer halben Stunde zur guten Stube der Stadt Gibraltar: dem Casemates Square.
Beliebtes Touristenziel
Dieser historische Platz ist heute gespickt mit Restaurants sowie Fast-Food-Läden und bei Einheimischen und Touristen ein beliebter Treffpunkt. Hier stärken wir uns mit britischen Fish and Chips, bevor wir in aller Ruhe die Main Street erkunden. Auf ihr bummelt man vorbei an Läden, die den zollfreien Status der Halbinsel nutzen: Sie verkaufen meist Parfum oder Alkohol, der auf diese Art durchaus günstiger sein kann als in der spanischen Umgebung.
Weil wir Gibraltar an einem Wochentag im Dezember erkunden, ist es hier nicht so überlaufen wie an den meisten Tagen während der Saison oder während spanischer Ferien und am Wochenende. Es geht gemächlich zu und in den zahlreichen Pubs und Cafés kann man ohne Mühe einen Platz finden. Die historische Mitte der Stadt hat ihren eigenen Zauber und es macht Spaß, sich einfach in den Gassen treiben zu lassen.
Gleichzeitig nutzen wir diesen Tag, um uns mit den Bedingungen vertraut zu machen, unter denen wir am folgenden Tag den Felsen besuchen können. Überall auf den Straßen versuchen Guides, Touren dafür zu verkaufen. Wir wollen aber den Felsen auf eigene Faust besuchen. Und weil uns auch nach einer Wanderung ist, beschließen wir, auf dieser Tour auf die Seilbahn zu verzichten, die die meisten Besucher ganz nach oben auf den Felsen bringt. Vorplanung braucht es also weniger als gedacht, nur ein bisschen Kondition.
Auf Wanderschaft
Nach einem ausgiebigen Bummel über die Halbinsel kehren wir also zurück nach Spanien, wo wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück aufbrechen. Die Passkontrolle passieren wir fast schon routiniert und machen uns auf den Weg hinauf auf den Felsen. Gut 400 Höhenmeter verlangen uns etwas Kraft ab. Unterwegs passieren wir noch die Grenze zum Naturschutzgebiet, wo wir Eintritt zahlen müssen. Gratis ist der Besuch des Felsens von Gibraltar nie.
Erste Station auf dem Weg nach oben: die riesigen Tunnelanlagen, die die Briten während ihrer mittlerweile über 400 jährigen Herrschaft über die Halbinsel zur Verteidigung gegraben haben. Ein riesiges System, das überraschend gut ausgebaut ist. Hier kommen sogar Flugzeuge im Berg unter. Dokumentiert wird hier auch ein wenig Militärgeschichte. Raus aus dem Dunkel geht es weiter bergan.
Bald schon tun sich herrliche Ausblicke auf die spanische Küste und bis nach Marokko auf, das von hier gut zu erkennen ist. Weit schweift der Blick über Hafen, Stadt und Meer. Auch jetzt im Dezember gibt es wie heute herrlich sonnige Tage mit klarer Sicht, die diesen Ausflug allein wegen der Aussicht zum Highlight machen.
Unterirdisches Farbenreich
Nicht nur über, sondern auch unter der Erde kann man hier oben auf dem Felsen ausgesprochen farbige Abenteuer erleben, denn außer der geschützten Natur draußen gibt es eine große Tropfsteinhöhle mit dem Namen St. Michael’s Cave. Bizarre Gebilde aus Kalkstein haben sich hier im Laufe der Jahrhunderte gebildet. Während der letzten Jahre hat man sie mit vielen farbigen Lichtern und Animationen gekonnt in Szene gesetzt.
Verlässt man die Höhle, begegnet man ganz automatisch den Stars des Felsens: den Berberaffen. Lange Zeit hatte man vermutet, sie seien eine in Europa heimische Art. Aber die Wissenschaft hat mittlerweile festgestellt, dass sie von importierten Affen aus Marokko oder Algerien abstammen. So oder so lassen es sich die putzigen Tiere hier oben richtig gut gehen und dazu gibt es auch allen Grund.
Ohne Affen geht es nicht
Eine Legende sagt, dass Großbritannien das Gebiet von Gibraltar verliert, wenn hier keine Affen mehr leben. Aus diesem Grund (auch wenn es eine Legende ist) werden sie heute von Tierpflegern des Nationalparks gut versorgt. Ob das nötig ist, kann man während der Saison sicher in Frage stellen. Denn die an Menschen gewöhnten Tiere stibitzen jegliche Nahrung, die die Menschen hierher mitbringen.
Besucher werden auf zahlreichen Tafeln davor gewarnt, Essbares offen zur Schau zu stellen. Auch interessieren sich die putzigen Affen sehr für einiges, was die Menschen mit sich herumtragen und man ist gut beraten, alles, was man bei sich hat, wirklich gut festzuhalten. Als wir auf die Affen treffen, sind sie außerordentlich ruhig und verträglich.
Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass es an diesem Dezembertag sehr entspannt und teilweise fast menschenleer zugeht. Das scheint sich auch positiv auf die pelzigen Zweibeiner auszuwirken, die ganz ruhig in der Sonne chillen. Es sieht teilweise fast danach aus, als würden sie für Fotos posieren. Gemeinsam mit ihnen genießen wir weitere wunderschöne Ausblicke, bevor wir langsam den Weg zurück in die Stadt antreten.

