Fahrradanhänger im Einsatz

Kindertransport:
Anhänglich unterwegs

Fahrradfahren und das Kind muss mit. Nur wie? Sitz hinten, Sitz vorne, Hänger hinten oder Lastenfahrrad? Die beste Lösung muss jeder für sich selbst finden.

„So ein spießiger Anhänger kommt mir nicht an mein Rad“, schimpfte mein Mann als ich ihn fragte, wie wir unseren einjährigen Sohn bei künftigen Fahrradtouren transportieren wollten. Der Anhänger kam für uns also nicht in Frage. Ich wiederum war gegen einen Sitz auf dem Gepäckträger. Schließlich sieht der Kleine dort nichts außer dem Hinterteil des Fahrers und sprechen kann man dann auch nicht mit ihm. Ein zusätzliches Lastenfahrrad wäre vielleicht die eleganteste Lösung, aber mit mindestens 1.500 Euro Anschaffungskosten auch die teuerste. Unsere Schnittmenge war also ein Fahrradsitz, der sich vor dem Fahrer am Lenker befestigen lässt. Ich las Online-Bewertungen, studierte diverse Tests und Zeitschriften und entschied mich schließlich für ein – mit 65 Euro vergleichsweise günstiges – italienisches Modell, einen OK Orion, der mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis auftrumpfte.

Eigentlich ein guter Sitz – nur passte er zu keinem unserer Fahrräder.
Eigentlich ein guter Sitz – nur passte er zu keinem unserer Fahrräder.

 Der erste Versuch

Der Sitz kam an und nachdem das große Paket eine Woche lang den Flur blockiert hatte, entschlossen wir uns endlich, den Sitz an Papas Rad zu befestigen. Es ging nicht. Mein Mann fährt nämlich ein Mountainbike, dessen Rahmen dicker ist als der anderer Fahrräder. Die Befestigung funktionierte aber mit Bügeln, die unter dem Lenker um den Rahmen herum festgespannt werden sollten. Nur passten die nicht. „Geht nicht gibt’s nicht“, sagten wir uns und verbogen die Halterungen, bis es klappte. Der Sitz saß dann, nur war Lenken so absolut unmöglich. Also bauten wir den Sitz wieder ab und montierten ihn an mein Rad, ein stinknormales Trekking-Modell. Das klappte schon besser. Der Sitz war ordentlich befestigt, lenken war leidlich möglich und der Knirps konnte endlich mitfahren. Mit seinem winzigen neongelben Helmchen saß er da oben und kniff im Fahrtwind die Augen zusammen. Er guckte und zeigte wild mal nach rechts und mal nach links, rief “Ah!“ und „Oh!“ und hatte sichtlich großen Spaß an der Sache. Allerdings fuhr jetzt mein Mann – der unbedingt wollte, dass sein Söhnchen bei ihm mitfährt – mit meinem Fahrrad durch die Gegend, das für ihn eigentlich viel zu klein ist. Nach ein paar Touren (während derer ich zu Hause die Ruhe genoss) stellte mein Mann allerdings fest, dass wir wohl noch nicht die optimale Lösung für den Kindertransport per Fahrrad gefunden hatten.

Die Aussicht aus einem Anhänger ist nicht so gut, wie aus dem Sitz oben am Rad. Dafür ist er gemütlicher und sicherer.
Die Aussicht aus einem Anhänger ist nicht so gut, wie aus dem Sitz oben am Rad. Dafür ist er gemütlicher und sicherer.

Dann eben doch …

Also begannen wir noch einmal von vorn. „Vielleicht ist so ein Anhänger doch ganz praktisch“, räumte mein Mann ein und ich begann erneut mit der Recherche. Schnell kristallisierten sich weitere Vorteile eines solchen Anhängers heraus: Abgekoppelt vom Rad kann man ihn am Zielort als Buggy verwenden und manche Modelle eignen sich außerdem dazu, mit dem Nachwuchs Joggen zu gehen. Das war ganz nach unserem Geschmack. Der Anhänger-Vergleich gestaltete sich jedoch ungleich schwieriger als bei den Fahrradsitzen. Im Netz gab es deutlich weniger Material und Infos. Auch die Preise zu vergleichen war nicht so einfach.

Das eine oder andere günstigere Modell gab es schon ab 250 Euro, preislich schien nach oben hin alles offen zu sein. Deshalb beschlossen wir, uns die Modelle einmal persönlich anzusehen. Mit Sack und Pack und Kleinkind machten wir uns auf den Weg. Das erklärte Ziel stand fest: Ein günstiger Einsitzer mit guter Federung (damit der Kleine nicht so durchgeschüttelt wird), Überrollbügel (falls der Hänger mal umkippt) und Feststellbremse (praktisch) sollte es sein.

Recherche vor Ort

Nach etwa einer Stunde Fahrt (mangels passender Lösung mit dem Auto) erreichten wir den Fahrrad-Händler. Ein Gebäude so groß wie ein Möbelhaus mit einer riesigen Auswahl an Fahrrädern und Zubehör aller Art. Hier würden wir bestimmt fündig – dachten wir – und freuten uns schon darauf, den Anhänger zu Hause auch gleich zu testen. Dummerweise war es ein sonniger Samstag im Frühling und offenbar waren wir nicht die einzigen, denen für die erste Fahrradtour des Jahres noch Equipment fehlte.

Wir fragten zwei überforderte Verkäufer in unterschiedlichen Stockwerken nach den Anhängern und wichen unterwegs unzähligen Kindern aus, die auf viel zu großen Fahrrädern durch die Gänge eierten. Dann nahmen wir endlich die hiesige Auswahl an Anhängern in Augenschein. Es war enttäuschend: Nur zwei Hersteller mit je einem Modell hatte der Händler noch da. Die günstige Variante war ein Croozer ohne Federung für 600 Euro. Das andere Modell von Thule schlug mit mehr als 1.000 Euro zu Buche – plus diverses nötiges und unnötiges Zubehör, das die Haushaltskasse weiter strapaziert hätte. Frustriert fuhren wir mit leeren Händen nach Hause.

Dort intensivierte ich meine Recherchen unverzüglich. Es musste doch möglich sein, einen vernünftigen Anhänger zu einem annehmbaren Preis zu finden, bevor es Zeit war, meinem Sohn sein eigenes Fahrrad zu kaufen.

Unsere Lösung
Unsere Lösung

 Für das Kind nur das Beste

Was einem relativ schnell auffällt, wenn man  Nachwuchs bekommt: Ganz allgemein wird mit der Angst von jungen Eltern um ihr Kind unheimlich viel Geld gemacht. Vom Autositz über den Kinderwagen bis hin zum Babyfon, das die Atmung des Kindes überwacht – „gute“ Produkte sind häufig unheimlich und unnötig teuer. Kauft man etwas „Billiges“, findet sich schnell jemand, der einen ungläubig ansieht und fragt, wie man bloß an der Sicherheit des eigenen Kindes sparen könne. Mein Mann und ich verweigern uns dieser Haltung. Wir vergleichen genau und prüfen günstige und teure Modelle nach unseren persönlichen Anforderungen. Den Autositz erstanden wir gebraucht von einem Kollegen, der Buggy ist ein Vorführwagen – sie alle haben immer treu ihre Pflicht erfüllt.

Diesem Geist folgend, durchsuchte ich das Internet nach gebrauchten Anhängern. Die wenigen, die ich fand, hatten alle den Vermerk „nur Abholung“ und standen natürlich in Garagen am anderen Ende des Landes herum.

Ruckzuck ist der Anhänger am Rad dran.
Ruckzuck ist der Anhänger am Rad dran.

 Fündig geworden

Also doch ein Neuwagen. Endlich entdeckte ich einen Anhänger, der unseren Anforderungen entsprach: Gut gefedert, Feststellbremse und Überrollbügel vorhanden, mit einem zusätzlichen (größeren) Vorderrad auch als Jogger verwendbar. Gerade war ein neues Modell herausgekommen. Für das aus dem Vorjahr fand ich online ein Angebot für 330 Euro. Bingo! Hinzu kamen noch 15 Euro für eine zweite Fahrradkupplung, 70 Euro für das Jogging-Rad und 25 Euro für ein passendes Sitzkissen. Mit diesem Preis konnten wir leben. Das Paket war mehr als doppelt so groß wie das des Fahrradsitzes. Und weil es nach der Anlieferung tagelang regnete, blockierte es mindestens genauso lange unseren Flur.

Wir haben mehr als zwei Monate gebraucht, doch es hat sich gelohnt. Manchmal muss man halt ein bisschen Zeit und ein paar Nerven investieren, um die persönliche beste Lösung zu finden. Heute fährt unser Sohn einen grünen Qeridoo Sprotrex 1 (Modell 2017) und genießt die Fahrten noch immer, egal ob einer von uns schiebt oder zieht.

Unsere Wahl: Ein Fahrradanhänger, den man auch zu Fuß verwenden kann.
Unsere Wahl: Ein Fahrradanhänger, den man auch zu Fuß verwenden kann.

 

Zusammengefasst:

Kindersitz

Der Kindersitz ist die günstigste Transportvariante, aber auch die unsicherste, weil wackelig.

Das Fahrrad muss geeignet sein, um den Sitz aufzuschnallen. Optimal ist ein möglichst normaler (Stahl-)Rahmen, Alurahmen können ein Ausschlusskriterium sein, weil sie eventuell nicht stabil genug sind.

Sitzt das Kind vorne ist die Lenkung eingeschränkt und der Nachwuchs darf nur bis 15 kg mitfahren. Dafür hat man Platz auf dem Gepäckträger oder für einen Rucksack und man kann sich mit dem Fahrgast unterhalten. Tipp: Um die Augen der Kleinen vor dem Fahrtwind zu schützen, hilft eine kleine Sonnenbrille.

Sitzt der Nachwuchs hinten sieht er nichts und man kann nicht mit ihm sprechen. Außerdem ist kein Platz für Gepäck. Dafür ist die Lenkung nicht eingeschränkt und das Kind darf bis 22 kg mitfahren.

Einfache Kindersitze gibt es schon ab 30 Euro. Geprüfte und gute Varianten starten bei etwa 65 Euro.

Anhänger

Preislich ist der Anhänger die mittlere Variante.

Ein Anhänger ist sicherer als der Sitz, aber im Test hat der Sitz vorne dem Kleinen mehr Spaß gemacht.

Das Kind kann während der Fahrt spielen oder auch schlafen.

Allerdings ist es während der Fahrt nicht möglich, sich mit dem Kind zu unterhalten.

Den Hänger muss man irgendwo unterbringen. Man braucht also zusätzlichen Platz, z.B. in der Garage oder im Keller.

Viele Anhänger sind am Zielort auch als Buggy und teilweise als Jogger verwendbar und bieten zusätzlichen Stauraum für Picknickdecke und Sandelzeug.

Der Anhänger ist schwer. Wer damit viele Steigungsmeter bewältigen möchte, muss die Sache sportlich sehen und Ersatzklamotten einpacken oder ein E-Bike als Zugmaschine verwenden. Dabei muss man wiederum beachten, ob der Anhänger dafür zugelassen ist.

Modelle gibt es ab 75 Euro, gute ab 300 bis 1.500 Euro

Lastenfahrrad

Die Kinder sind in der festen Box angeschnallt und gut aufgehoben.

Für den herkömmlichen Fahrer funktioniert ein Lastenfahrrad allerdings nur mit zusätzlichem elektrischem Antrieb. Und an die unterschiedlichen Lenkungen dieser Gefährte muss man sich erstmal gewöhnen.

Ein E-Lastenrad geht ganz schön ins Geld: Die gängigen Modelle mit Kindersitz starten bei etwa 2.000 Euro.

Viele größere Städte und mehrere Bundesländer bezuschussen Unternehmen oder auch Privatpersonen (bzw. Familien), die sich ein E-Lastenrad anschaffen wollen. Beispielsweise fördert das Land Nordrhein-Westfalen Privatpersonen mit Wohnsitz in einer Stadt mit NOx-Grenzwertüberschreitung, die sich ein Lastenrad zulegen wollen, mit bis zu 1.000 Euro. Einige Förderer legen auch noch eine Extra-Prämie von mehreren hundert Euro obendrauf, wenn man zusätzlich sein Auto los wird.

Hier der Link zu einem Blog mit einer Liste der Fördernden.

 

Unsere Testerin


Katharina Weik
Redakteurin

fährt gar nicht so gerne Fahrrad, sondern geht lieber joggen.


 

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