Rollendes Autorad auf nasser Fahrbahn bei Nacht. Wasser spritzt, auf der Nassen Fahrbahn spiegelt sich das Rad und die Lichter der Stadt.

Reifen: Vom Gummischlauch
zum Mobilitätstreiber

Sie machen schmutzige Hände, sind unhandlich, stinken, wenn sie neu sind, und sie belasten die Umwelt. Sie sind aber auch Lebensretter, halten uns in der Spur, machen flach und breit eine gute Figur. Und sie haben sogar das Zeug dazu, das Autofahren sauberer zu machen: Reifen. Mit einer Auflagefläche von vier Handflächen stellen sie die Verbindung von Automobil zur Straße her. Eine winzig kleine Fläche – für die Reifen eine Menge mitbringen. Über die Genies zwischen Auto und Straße …

Beginnen wir die Geschichte, ohne Namen zu nennen: Es war der 28. Januar 1888, als der elfjährige Sohn eines Tierarztes irgendwo im irischen Dublin mit seinem Dreirad die Kinder in der Nachbarschaft beeindruckte. Daran montiert waren luftgefüllte Reifen, die ihm bessere Chancen bei den regelmäßigen Rennen einbringen sollten. Es war die Idee des Vaters, der einen aus dünnen Gummistücken zusammengeklebten Schlauch mit Luft gefüllt und auf die Dreirad-Räder gezogen hat. Was Vater und Filius seinerzeit nicht wissen konnten: Der luftgefüllte Gummireifen ist heute Herzstück weltumspannender Mobilität. Er bewegt Menschen in Autos, Bussen, auf Fahrrädern und Motorrädern über Straßen und Wege. Er transportiert mit einem Durchmesser von mehr als vier Meter Gestein in riesengroßen Muldenkippern durch Minen und Bergwerke dieser Welt. Und er trägt das Gewicht des bis 560 Tonnen schweren Airbus A380 und hält den Koloss bei Starts und Landungen in der Spur.

Fahrwerk eines großen Passagierflugzeuges auf dem Rollfeld. Von vorne sind die sechs Reifen, Fahrwerk und Hydraulik zu sehen.
Flugzeugreifen – maximale Belastung und präziser Grip am Boden. Bild: AdobeStock/belish

Kautschuk, Schwefel und Hitze

Der Name des Tierarztes: John Boyd Dunlop. Er ließ sich seine Entwicklung eines Fahrradluftreifens im selben Jahr patentierten und gründete nur ein Jahr später das erste Dunlop-Werk in Irland. 1896, nur sieben Jahre später, verkaufte Dunlop das Patent und seine Anteile am stark expandierenden Unternehmen an einen Geschäftspartner und widmete sich wieder der Tiermedizin. Was blieb, ist der Name Dunlop. Der zählt bis heute zu den größten und bekanntesten Reifenmarken der Welt. Dass aus Kautschuk, Schwefel und Hitze ein haltbares und elastisches Material – die Grundlage für Dunlops Erfindung – werden kann, das hat ein anderer schon 1839 per Zufall entdeckt. Der US-amerikanische Charles Goodyear ließ Kautschuk und Schwefel auf eine heiße Herdplatte fallen und hat so den chemischen Prozess der Vulkanisierung entdeckt. Die bis dahin viel zu klebrige Gummimasse ließ sich mit der Schwefelverbindung bestens verarbeiten.

Charles, John, André und Édouard

Die erste industrielle Anwendung dieser segensreichen Erfindung galt also dem Fahrradreifen. Aber bereits um 1895 wurden auch Automobile mit luftgefüllten Reifen ausgerüstet, was ein erheblicher Fortschritt in der Welt der Mobilität war. Die Brüder André und Édouard Michelin rüsten den Rennwagen „L’Éclair“ – zu deutsch: der Blitz – mit Luftreifen aus. Sie mussten die Reifen alle 150 Kilometer wechseln – konnten aber beweisen, dass der abnehmbare Luftreifen funktioniert. Um die Jahrhundertwende 1900 jagte eine Erfindung und Weiterentwicklung die nächste. Goodyear, Dunlop und Michelin machten aus ihren Tüftelleien, Erfindungen und auch Zufällen den abnehmbaren Luftreifen für Fahrräder und später für Autos möglich – und revolutionierten damit die Mobilität.

Seitenaufnahme eines blauer Oldtimers mit großen Speichenrädern und Gummibereifung in einem Museum. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um den Rennwagen „L’Éclair“ von Michelin aus dem Jahr 1895.
Michelins Rennwagen "L'Éclair" (der Blitz) ging mit luftgefüllten und abnehmbaren Reifen ins Rennen. Bild: Michelin

7.000 Reifen pro Stunde

Heute werden weltweit zwischen 2,5 und 3,3 Milliarden Reifen pro Jahr hergestellt. Die Angaben variieren, weil nicht immer klar ist, ob von der Produktionskapazität oder dem tatsächlichem Absatz die Rede ist. Wenn wir von 2,5 Milliarden produzierten Reifen ausgehen, dann sind das 7.000 Reifen pro Stunde, die die Produktionsanlagen in den etwa 500 Reifenwerken weltweit verlassen. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag die Produktionszahlen noch bei rund 1,4 Milliarden. Michelin, Goodyear und Bridgestone sind die einzigen Hersteller, die mehr als 40 Werke betreiben. Jedes dritte Reifenwerk weltweit steht in China.

500 Reifen-Backstuben

In den Werken der Reifenhersteller geht es zu, wie in einer Backstube: Mischen, Rühren, Walken, Backen. Aus unterschiedlichsten Zutaten entsteht der schwarze Pneu in zahlreichen Produktionsschritten. Ganz gleich, ob es sich um einen Fahrradreifen, einen Winterreifen für einen Pkw oder den Reifen für einen Airbus handelt: Der Produktionsprozess ist vergleichbar. Der erste Schritt ist die Herstellung der Gummimischung, gefolgt von der Fertigung der Einzelkomponenten, dem Reifenaufbau oder Konfektionierung, dem Zusammenfügen via Vulkanisation und der abschließenden Qualitätskontrolle.

„Reifen – Genies zwischen Auto und Straße“ geht weiter. Hier geht’s zu Teil 2  zum Thema Reifen.

Titelbild: Generiert mit KI
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1 Kommentar

  1. Pingback: Was uns Reifen sagen - motus Magazin

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