Übersichtsbild zum Thema moderne Mobilität und alternative Verkehrsmittel.

So bewegt sich
die Zukunft

Die Verkehrswende beginnt dort, wo Menschen nicht mehr auf das eigene Auto angewiesen sind. Wir stellen vier Mobilitätslösungen zwischen Bürgerengagement und digitaler Zukunftsvision vor.

On-Demand-Busse in Tourismusregionen, ehrenamtlich betriebene Kleinbusse auf dem Land, Seilbahnen über urbanen Verkehrsengpässen, automatisierte Fahrzeug-Schwärme in der Entwicklung: Die vier Projekte zeigen unterschiedliche Ansätze für unterschiedliche Räume. Was sie verbindet, ist die Abkehr vom ­klassischen Mobilitätsmodell, das auf das eigene Auto setzt. Projekte wie diese brauchen Fördermittel, politischen Willen und die Bereitschaft vor Ort, neue Wege zu gehen. Dass sie funktionieren, ist belegt. Die Verkehrswende ist in Bewegung – auf vielen Wegen gleichzeitig.

Wenn der Bus zum ­Passagier kommt

EMMI-MOBIL heißt der Service, den Bad Hindelang seit Dezember 2021 anbietet: emissionsfrei, miteinander, individuell. Zwei elektrische Kleinbusse mit je acht Sitzplätzen fahren ohne festen Fahrplan und ohne feste Route. Wer mitfahren will, gibt über eine App Start und Ziel ein. Das System errechnet die Abholzeit und bündelt Fahrtanfragen, sodass niemand allein fährt und die Auslastung steigt. 2022 ging der dritte Platz des Deutschen Tourismuspreis an das Projekt. Die Idee überzeugt. Die Fahrgäste bewerten EMMI-MOBIL im Schnitt mit 4,8 von 5 Sternen. Wer den MOBIL PASS ALLGÄU oder die Bürgerkarte besitzt, fährt kostenlos, alle anderen zahlen den regulären Busfahrpreis plus einen Euro Aufschlag. Hunderte virtuelle Haltestellen decken das gesamte Gemeindegebiet ab, keine ist weiter als hundert Meter vom Fahrgast entfernt. Das macht EMMI-­MOBIL flexibler als jeden Linienbus. Die Kleinbusse erschließen auch entlegene Ortsteile, bringen Gäste direkt zum Hotel oder zur Talstation. Im Winter nehmen sie sogar Ski und Snowboards mit. Kindersitze gibt es auch, Menschen mit Rollstühlen können mitfahren, sofern sie sich selbstständig hinsetzen können.

Der Gemeinderat hat beschlossen, den ursprünglich auf zwei Jahre angelegten Piloten fortzuführen. Auch andere Gemeinden im Allgäu wie Pfronten ziehen nach und wollen den Rufbus 2026 einführen. EMMI-MOBIL beweist, dass On-­Demand-Verkehr auch im ländlichen Raum funktioniert.

Ein kleiner elektrischer EMMI-MOBIL Bus in den Alpen
EMMI-MOBIL in Bad Hindelang: Ein emissionsfreier Rufbus-Service, der Fahrgäste individuell und flexibel ans Ziel bringt. Bild: Bad Hindelang Tourismus/Wolfgang B. Kleiner

Ehrenamt hinter dem Steuer

Was 1986 in Schlier im Landkreis Ravensburg als Pioniertat begann, gibt es inzwischen bundesweit: Bürgerbusse schließen Lücken, die der reguläre ÖPNV offenlässt. In Deutschland existieren momentan mehr als 400 Bürgerbusverkehre. Über die Hälfte davon entfallen mit 37 Prozent auf Nordrhein-­Westfalen und knapp 17 Prozent auf Baden-Württemberg. Vormittags in die Kreisstadt zum Arzt, mittags zum Supermarkt, samstags zum Wochenmarkt. Meist fahren die Busse auf festen Routen zu Bahnhöfen, Einkaufszentren und Arztpraxen. Besonders ältere Menschen profitieren vom ­Angebot. Hinter jedem Bürgerbus steht ein Verein, der den Betrieb organisiert. Ehrenamtliche übernehmen das Steuer, oft Rentner mit Zeit und Lust, sich für ihre Gemeinde zu engagieren. Eines der größten und erfolgreichsten Bürgerbusprojekte Deutschlands ist der Bürgerbus in Bad Krozingen: drei Linien, vier Busse, 45 Fahrerinnen und Fahrer, mehr als 100.000 Fahrgäste im Jahr.

Das Land Baden-Württemberg fördert die Initiativen seit 2015 finanziell und trägt 25 Prozent des Anschaffungspreises, maximal 15.000 Euro für barrierefreie Busse. Auch die Kosten für den Personenbeförderungsschein übernimmt das Land. 2025 flossen 96 Prozent der Busfördermittel in Elektro- und Wasserstoffantriebe, insgesamt 34,5 Millionen Euro. Von 182 geförderten Fahrzeugen waren nur noch wenige Dieselbusse dabei.

Auch Nordrhein-Westfalen fördert die Projekte, insbesondere durch Festbetragsförderung für die Anschaffung von Fahrzeugen und Unterstützung von ­Organisationsaufgaben.

Ein blauer elektrischer Bürgerbus für den Linienbetrieb in Nordrhein-Westfalen.
Ehrenamt hinter dem Steuer: Der erste elektrische Bürgerbus in NRW verbindet Emsdetten und Saerbeck. Bild: Willy Sellin, Bürgerbusverein Emsdetten Saerbeck e.V.

Schwärme der Zukunft

Cab heißt ein Prototyp, der derzeit in Testzentren erprobt wird. Er ist klein, leicht, elektrisch und bietet Platz für vier Personen. Entwickelt wurde das Fahrzeug von einem Konsortium aus 20 Partnern –
Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen. Der Prototyp Cab ist Teil eines Systems, das Mobilität komplett neu denkt.

NeMo.bil verbindet zwei Fahrzeugtypen zu einem schwarmartigen Netz. Die kleinen Cabs bedienen die erste und letzte Meile, holen Fahrgäste individuell ab, bringen sie zur Sammelstelle. Dort docken sie an ein größeres Zugfahrzeug an, das Pro. Mechanisch gekoppelt bilden mehrere Cabs und das Pro einen Konvoi, der auf längeren Strecken deutlich effizienter fährt als Einzelfahrzeuge. Unterwegs versorgt das Pro die Cabs mit Energie über ein mobiles Ladesystem. ­Wasserstofftechnologie spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die Idee überzeugte die Jury des Deutschen Mobilitätspreises 2024. Das System verspricht Ressourceneffizienz durch Bündelung, Flexibilität durch On-Demand-Buchung und Klimafreundlichkeit durch elektrische und wasserstoffbasierte Antriebe. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) fördert das Vorhaben mit mehr als 17 ­Millionen Euro.

An dem Projekt beteiligen sich Hochschulen und Universitäten, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt so­wie Unternehmen. Die INYO Mobility GmbH koordiniert die Arbeitsgemeinschaft. Eine Software steuert alle Fahrzeuge, bündelt Fahrten, berechnet Routen, organisiert den Schwarm.

Erste Demonstrationsfahrten fanden am Flughafen Paderborn/Lippstadt statt. Die Region Paderborn dient als Pilotgebiet, unterstützt von der Heinz Nixdorf Stiftung und dem Verein Neue Mobilität Paderborn. Bis Juni 2026 läuft das Projekt, danach sind Folgeprojekte geplant, um die nächsten Schritte umzusetzen.

Noch ist NeMo.bil Zukunftsmusik, aber der Weg ist klar vorgezeichnet. Gelingt das Projekt, könnte es zum Vorbild werden für Regionen, in denen klassischer ÖPNV unwirtschaftlich ist.

 

Ein futuristisches MONOCAB Fahrzeug auf einer schmalen Schiene im ländlichen Raum.
Visionär: Das Projekt MONOCAB zeigt, wie autonome Einschienen-Fahrzeuge stillgelegte Schienenwege im ländlichen Raum reaktivieren können. Bild: INYO Mobility GmbH

Über den Stau hinweg

Heilbronn plant eine urbane ­Seilbahn als vollwertiges öffentliches Verkehrsmittel. Anders als die touristische Seilbahn in Koblenz, soll sie von Anfang an fest in den Nahverkehr integriert sein, nutzbar mit dem Deutschlandticket, Einzel- und Tageskarte, ohne Aufpreis. 4,7­ Kilometer Luftlinie, fünf Stationen, 77 Gondeln. Die Strecke soll Innenstadt, Bildungscampus und den neu entstehenden Innovationspark Künstliche Intelligenz im Norden der Stadt verbinden. Von der Innenstadt bis zum Innovationspark dauert die Fahrt 14 Minuten, pro Stunde und Richtung können bis zu 1.500 Personen befördert werden.
Die Trasse verläuft über dem Neckar und Gewerbeflächen, nicht über Wohngebiete. Das spart Platz, vermeidet Konflikte und umgeht Verkehrsengpässe. Jede Gondel bietet Platz für zehn Personen und ist barrierefrei.

Das Land Baden-Württemberg hat vier Millionen Euro als Vorfinanzierung für die Planung bereitgestellt. Im April 2025 gab der Gemeinderat grünes Licht für die Vorplanung. Danach folgen Architekturwettbewerb, Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Ein konkreter Zeitplan für die Fertigstellung steht noch nicht, die Stadt strebt jedoch eine zügige Umsetzung an.

Die Seilbahn bringt mehrere Vorteile: Sie ist energieeffizient, spart Fläche, verringert CO2-Emissionen und fördert die wirtschaftliche Entwicklung. Das Projekt zeigt: Seilbahnen können urbane Räume erschließen, wo Straßen und Schienen an ihre Grenzen stoßen.

 

Visualisierung einer modernen Seilbahn-Gondel über dem urbanen Raum von Heilbronn.
Hoch hinaus über den Stau: Die geplante urbane Seilbahn in Heilbronn soll den Neckar und Gewerbeflächen effizient verbinden. Bild: StadtHeilbronn Drees&Sommer /UNStudio
Titelbild: AdobeStock/Tobias Arhelger
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