Innenaufnahme des Unfallforschungszentrums von Mercedes-Benz. Zu sehen ist eine lange und hohe Halle mit Betonwänden, an denen zahlreiche Träger und Portalkräne befestigt sind. Im Vordergrund ist unscharf ein orangefarbenes Testfahrzeug in Bewegung zu erkennen.

40 Assistenzsysteme
an Bord

Es spannt sich ein weiter Bogen zum Thema Fahrzeugsicherheit durch die Automobilgeschichte. Immer vorne mit dabei war Mercedes-Benz. Der Stuttgarter Automobilhersteller hat Sicherheit im Automobil führend geprägt. Ein Gespräch mit Julia Haberzettl, Ingenieurin für passive Sicherheit bei der Mercedes-Benz AG mit einem Blick zurück und nach vorn.

Mercedes-Benz gilt als Erfinder der modernen Fahrzeugsicherheit. Was waren größten technischen und konzeptionellen Durchbrüche?

Ein Meilenstein war die Erfindung der Sicherheitskarosserie mit Knautschzonen durch den Mercedes-Benz Sicherheitsingenieur Béla Barényi im Jahr 1951 – erstmals umgesetzt 1959 im Mercedes-Benz W111. Dieses Konzept stellt auch heute noch die absolute Basis der Karosserie- und Sicherheitsentwicklung dar: Energieabbau durch gezielte Verformung definierter Bereiche zum Schutz eines versteiften Fahrgastraums. Weiterer Meilenstein war das ABS, das 1978 erstmals serienreif in der S-Klasse eingeführt wurde. Auch der Airbag in Verbindung mit dem Gurtstraffer ist heute unverzichtbarer Bestandteil der Insassensicherheit.

Gemäß Ihrem Motto „Real Life Safety“ fließen Erkenntnisse aus realen Unfällen in Ihre Fahrzeugentwicklung ein. Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo eine reale Unfallanalyse zu einer konkreten Sicherheitsinnovation geführt hat?

„Real Life Safety“ ist für uns weit mehr als ein Motto – es ist die Leitlinie unserer Sicherheitsentwicklung. Wir entwickeln unsere Fahrzeuge nicht nur für standardisierte Crashtests, sondern, um in realen Unfallsituationen Leben zu retten. Dazu analysieren wir Unfälle in Deutschland, Indien und China durch unsere konzerneigene Unfallforschung. Ziel ist es, daraus Erkenntnisse für neue Fahrzeuggenerationen abzuleiten.

Welche besonderen Herausforderungen bringt die Elektromobilität für die Fahrzeugsicherheit mit sich?

Batterieelektrische Fahrzeuge bringen andere Anforderungen an die Rohkarosserien der Fahrzeuge mit sich. Ausgehend von dem Konzept der Sicherheitskarosserie mit Ihrem Deformationselementen in der Front und im Heck und der Sicherheitszelle für die Insassen, benötigen wir noch einen zusätzlichen Schutzraum mit Bereichen für Energieabsorption für die Antriebsbatterie: Die große Hochvoltbatterie soll bei einem Unfall nicht deformiert werden. Um das zu erreichen, müssen die direkt umgebenden Bereiche versteift werden.

Welche technologischen Entwicklungen leisten den größten Beitrag zur Unfallvermeidung, und wie realistisch ist das Ziel einer unfallfreien Zukunft?

Mercedes-Benz Fahrzeuge können heute mehr als 40 Assistenzsysteme haben, die dabei helfen können, Unfälle zu vermeiden oder in ihrer Schwere zu mildern. Eines der wichtigsten Assistenzsysteme ist dabei der Brems-Assistent, der bis 200 km/h eine autonome Notbremsung einleiten kann. Heute haben wir mehr als 20 Millionen Fahrzeuge mit diesem System ausgestattet. Und bereits mehr als 10 Millionen Fahrzeuge haben auch einen Fußgänger-Notbrems-Assistenten, der querende Fußgänger, Radfahrer oder Motorradfahrer erkennen und einen Notbremsvorgang auslösen kann.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten für einen Tag in die Zukunft reisen – ins Jahr 2050, wenn Ihre Vision Zero Realität geworden ist. Wie wird sicheres Autofahren dann aussehen?

Im Jahr 2050 ist das individuelle Fahren Teil eines vollständig vernetzten Mobilitätsökosystems. Fahrzeuge werden in Echtzeit mit Infrastruktur, Fußgängern und anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren. Vor allem werden wir 2050 unsere VISION ZERO in die Realität umgesetzt haben. Das bedeutet, dass es ab dem Jahr 2050 keine Verkehrstoten mehr gibt. Als Sicherheitsbackup werden die Fahrzeuge aber immer noch über die heute bekannten Sicherheitssysteme verfügen.

Titelbild: Mercedes-Benz AG
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