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Autonomes Fahren:
Ein Pferd ohne Zügel

Beim autonomen Fahren wird der Fahrer endgültig zum Fahrgast. Für die Automobilbranche bedeutet das wahrscheinlich den größten Schritt seit Erfindung des Autos

Bevor es Autos gab, waren wir schon mit autonomen Fahrzeugen unterwegs: mit Pferden. Zugegeben, sie waren nur teilautonom, aber sie haben uns von A nach B gebracht und in bester Fahrassistenz-Manier Unfälle vermieden: Sie sind nicht blindlings in den Straßengraben geritten (Spurhalteassistent). War der Weg vor ihnen blockiert, haben sie angehalten (Nothaltesystem). Ja, sie sind sogar allein in den Stall getrabt, ohne, dass man darauf achten musste, ob sie am Tor verkanten (Parkassistent). Lange hat es gedauert, aber: Die Autos, die heute auf die Straße kommen, können all das auch. Der nächste Schritt der Automobilhersteller lautet jetzt, ein mechanisches Pferd ohne Zügel zu bauen: das vollständig autonom fahrende Auto. Der Weg dahin ist nicht so weit, wie viele denken.

Sensorentechnik spielt eine immer wichtigere Rolle. Bild: Adobe Stock / Karneg
Sensorentechnik spielt eine immer wichtigere Rolle. Bild: Adobe Stock / Karneg

Spätes Bekenntnis

Für das autonome Fahren ist vor allem eines Wichtig: Ein perfektes Zusammenspiel von Hardware und Software. Fahrzeugsensoren und Kameras erfassen die Umwelt. Sie sind die Augen, Ohren und Nase des Autos. GPS-Systeme verzeichnen zudem den genauen Standort. Die gigantische Menge an gesammelten Daten werden permanent vom Computersystem im Fahrzeug analysiert, das dem Auto dann Handlungsanweisungen gibt. Die Anforderungen an dieses System sind riesig. So riesig, dass sich zunächst nur wenige an das Thema herangewagt haben. Die Pionierarbeit hierfür haben in den vergangenen Jahren die Entwickler im kalifornischen Silicon Valley gemacht. 2014 haben erste ernstzunehmende Tests begonnen. Seit 2018 testen einige Unternehmen in Kaliforniern ihre Entwicklungen bereits komplett ohne Fahrer, der im Notfall eingreifen kann. Noch vor drei Jahren waren das die großen Neuigkeiten – heute ist das Thema alltäglich geworden. So alltäglich, dass immer mehr Automobilhersteller die Entwicklung solcher Systeme wieder selbst übernehmen und nicht mehr auf die Software-Elite aus dem Silicon Valley angewiesen sind. Die kurzzeitige Angst der Hersteller, nur noch zur verlängerten Werkbank großer Technologieunternehmen wie Apple oder Google zu werden, hat sich nicht bewahrheitet.

Großer Wandel

Eine ausgefeilte Technik entwickeln ist das eine – das gesamte unternehmerische Handeln danach auszurichte allerdings etwas ganz anderes. Von Tesla abgesehen haben sich viele Hersteller schwergetan, sich klar zum autonomen Fahren zu bekennen. Doch: So schnell die Hersteller die Kehrtwende bei der E-Mobilität vollzogen haben, so schnell erkennen sie nun auch das selbstfahrende Auto als (unmittelbare) Zukunft an. So hat beispielsweise Europas größter Automobilhersteller VW im Juli 2021 das autonome Fahren in seine Konzernstrategie als einen zentralen Punkt aufgeführt. Und auch hier spielt das Pferd keine unerhebliche Rolle. VW-Chef Herbert Diess: „Bis 2030 wird die Mobilitätswelt den größten Wandel seit dem Übergang vom Pferd zum Auto zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt haben.“ Autonomes Fahren der Stufe 5 solle bis dahin bei kommerziellen wie auch bei privaten Fahrten möglich sein.

Die Hersteller – hier Smart – präsentieren ihre Konzeptfahrzeuge immer öfter ohne Lenkrad. Bild: Daimler
Die Hersteller – hier Smart – präsentieren ihre Konzeptfahrzeuge immer öfter ohne Lenkrad. Bild: Daimler

Die Zukunft – schon heute

Fahrzeuge der Stufe 3 kommen heute schon auf den Markt, etwa die neue Mercedes S-Klasse mit Drive Pilot. Fahren ohne die Hände an den Zügeln, pardon, am Lenkrad ist also schon möglich. Fahrzeuge der Stufe 4 versprechen viele Hersteller bereits bis 2025 – wohlgemerkt für den Massenmarkt. Und die aktuellen Erfolgsmeldungen aus der Branche zeigen: Das könnte gelingen. Ab 2023 testet VW in Hamburg vollautonom fahrende Autos, Ford testet gemeinsam mit dem Paketdienst Hermes in der Londoner Innenstadt heute schon selbstfahrende Transporter und in der Karlsruher Innenstadt fährt der Eva-Shuttle seine Fahrgäste per App-Aufruf bis vor die Haustür – allerdings noch eher gemütlich und sicherheitshalber mit einem Fahrer, der im Notfall eingreifen kann.

Signale stehen auf grün

Auch der Gesetzgeber hat hierzulande schon grünes Licht gegeben – als erstes Land überhaupt sogar für den Regelbetrieb. Das Gesetz zum autonomen Fahren erlaubt in Deutschland von 2022 an das Fahren von Fahrzeugen der Stufe 4. Erlaubt sind dann zum Beispiel der autonome Shuttle-Verkehr, Busse, die auf einer festgelegten Route unterwegs sind, der sogenannte Hub2Hub-Verkehr (etwa mit Lkw zwischen zwei Logistikzentren) oder die Beförderung von Personen oder Gütern auf der ersten oder letzten Meile, also der Strecke zwischen dem Startpunkt oder Ziel und dem nächstgelegenen Nahverkehrspunkt – eine Strecke. Wem das noch nicht genug ist, kann sich ja bis 2030 noch aufs Pferd setzen.

Wer bringt dem Auto von morgen bei, im Straßenverkehr ethisch gute Entscheidung zu treffen?

Selbstfahrende Autos machen das, was der Bordcomputer auf Basis der Datenlage anordnet. Der Computer kann nicht ethisch abwägen, sondern nur rechnen, auch wenn er Künstliche Intelligenz verwendet. Ethische Regeln müssen dem Bordcomputer von den Menschen beigebracht werden, die an der Entwicklung beteiligt sind: von Programmierern, Ingenieuren und Managern, aber auch Juristen und – hoffentlich – Ethikern.

Was sind derzeit die größten Streitpunkte in der Debatte?

Das sind die so genannten Dilemma-Situationen, sprich: Ein Unfall ist nicht mehr vermeidbar, es ist nur zu entscheiden, wer den Schaden hat, etwa ein Kind oder eine ältere Person. Auch wenn diese Frage immer wieder zur Aufregung führt: Sie spielt keine praktische Rolle. Ansonsten müssten wie unsere menschlichen Fahrschüler auch darauf trainieren, mit solchen Situationen fertigzuwerden. Das Problem Tausender von Verkehrstoten entsteht im Normalbetrieb des Verkehrs, nicht in Dilemma-Situationen.

Welche Lösungsansätze gibt es hierfür?

Die beste Lösung ist, dass es gar nicht erst zu problematischen Situationen kommt. Wenn der Computer bemerkt, dass er möglicherweise die Kontrolle verliert, muss er das Auto in einen sogenannten „sicheren Zustand“ bringen, also rechts ranfahren, Warnblinklicht an und so weiter – bis die Situation geklärt ist. Dadurch kann viel entschärft werden, freilich wohl nicht alles. Hundertprozentige Sicherheit wird es auch mit den besten selbstfahrenden Autos nicht geben.

Unsere Sicherheit wird zunehmend zur Technikfrage. Bild: Adobe Stock / vchalup
Unsere Sicherheit wird zunehmend zur Technikfrage. Bild: Adobe Stock / vchalup
Titelbild: Adobe Stock / pixelschoen
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