Ein silberner Mercedes A-Klasse und ein blauer Opel Corsa stehen nebeneinander auf dem ADAC-Trainingsgelände.

Grenzen ­fühlen,
­Kontrolle gewinnen

Quietschende Reifen, rutschende Autos – beim ADAC-Fahrsicherheitstraining bringen wir unsere Fahrzeuge an ihre Grenzen – und sie uns. Was auf dem Trainingsparcours Spaß macht, rettet im Ernstfall Leben. Umso wichtiger zu wissen, worauf es ankommt, wenn es mal brenzlig wird.

Marie:

Mittwochmorgen, 7.30 Uhr. Ich treffe früh an der ADAC-Verkehrsübungsanlage in Leonberg ein. Die Fahrbahn ist rutschig, Minusgrade und keine Sonne. ­Perfektes Wetter für ein Pkw-Intensivtraining. Von 8 bis 16 Uhr geht der Kurs. Martin Sasse, seit vielen Jahren nebenberuflich Trainer beim ADAC, erwartet die Teilnehmenden. Zu Beginn stellt jeder seine Erwartungen vor und erklärt, warum er dabei ist. Einige müssen den Kurs beruflich absolvieren, andere wollen Fahrkönnen und Wissen verbessern –
wie ich. Ich wollte schon immer mal ein Fahrtraining machen, um zu lernen, wie ich in gefährlichen Situationen reagiere und wie sich mein Auto in Grenzsituationen verhält.

Isabella:

Eisige Temperaturen, nasser Asphalt, acht Stunden Fahrsicherheitstraining vor mir. Perfekte Bedingungen, um herauszufinden, was ich – und mein Auto – wirklich können. Spoiler: Mein Auto überraschte mich.

Marie: Mensch, Maschine, ­Physik

Wir starten mit Theorie: Welche Faktoren beeinflussen unseren Wagen? Das Fahrzeug selbst, die Fahrphysik und vor allem der Mensch am Lenkrad. Eine weitere Erkenntnis, die Martin mehrfach betont: Fahrstabilität kommt aus der Hinterachse. Sie hält das Fahrzeug in der Spur und ­verhindert das Ausbrechen des Hecks – besonders bei Kurvenfahrten, Bremsmanövern oder Spurwechseln. Wir lernen, welche Assistenzsysteme uns wann helfen. Dann geht es auf den ­Verkehrsübungsplatz.

Isabella: Theorie mit Aha-Effekt

Bevor die Reifen quietschen, ging es in den Schulungsraum. Trainer Martin erklärt Fahrphysik, Assistenzsysteme und Fahrtechniken. Klingt trocken – ist es nicht. Eine goldene Regel: Wenn das Heck instabil wird, helfen weder Mut noch Muskelkraft, dann entscheidet Physik. ABS und ESP sind dabei keine Zaubertricks, sondern Sicherheitsnetze. Sie verhindern blockierende Räder, halten das Fahrzeug lenkbar und greifen ein, bevor aus einem kleinen ein großer Fehler wird. Oder anders gesagt: Moderne Autos retten uns öfter, als wir es merken.

Teilnehmer sitzen im Schulungsraum des ADAC und hören dem Trainer bei der Theorie zu.
Bevor es auf die Piste geht, erklärt Trainer Martin Sasse die physikalischen Grundlagen von ABS, ESP und Fahrstabilität.

Isabella: Sitzen wie ein Pilot –
nicht wie auf dem Sofa

Noch bevor ich den Motor startete, ging es um die richtige ­Sitzposition. Viele fahren eher in einer gemütlichen ­Position, anstatt in einer sicheren. Rückenlehne aufrecht, Beine leicht angewinkelt, genügend Abstand zum Lenkrad, Hände in der 9-und-3-Uhr-Position. Das fühlt sich fast wie Fahrschule 2.0 an. Doch so hat man mehr Kontrolle. Und genau darum geht es.

Marie: Kontrolle beginnt im Sitz

Für sichere Fahrzeugkontrolle braucht es die richtige Sitzposition im Auto: Die Knie dürfen nicht ans Lenkrad stoßen, die Beine beim Durchdrücken der Pedale nicht ausgestreckt sein. Der Rücken liegt vollflächig auf, mindestens eine Faust passt zwischen Kopf und Fahrzeugdecke. Der Gurt schneidet nicht am Hals ein und liegt nicht zu tief am Brustkorb. Nachdem alle ihren Sitz richtig eingestellt haben, geht es zur nächsten Station.

Eine Person stellt den Fahrersitz im Auto korrekt ein – aufrechte Lehne und angewinkelte Arme.
Kontrolle beginnt im Sitz: Die richtige Position ist entscheidend, um in Grenzsituationen schnell und kraftvoll reagieren zu können.

Marie: Jetzt wird es actionreich

Wir starten mit der Vollbremsung: Auf 50 km/h beschleunigen und bei einer Markierung voll in die Eisen steigen. Meine letzte Vollbremsung liegt Jahre zurück. Was wohl passiert? Nichts Dramatisches. Das Auto ruckelt und kommt zum Stehen. Wir wiederholen die Übung mit 70 und 100 km/h. Mit jeder Runde werde ich sicherer. In der letzten Runde lassen wir das Lenkrad beim Bremsen los. Ergebnis: Das Auto bleibt ruhig, die Reifen gerade. Der Bremsweg verlängert sich in jeder Runde mit zunehmender Geschwindigkeit erheblich. Bei einer Vollbremsung aus 50 km/h liegt er bei rund 12,5 Metern, bei 70 km/h bei 24,5 und bei 100 km/h bei 50 Metern. Die Formel zur Berechnung lautet (Geschwindigkeit : 10) x (Geschwindigkeit : 10) : 2. Bei einer normalen Bremsung verdoppelt sich das Ergebnis. Denn bei der Übung wussten wir, wo wir bremsen, konnten uns also vorbereiten. Auf der Straße entsteht eine Gefahrensituation spontan. Wir müssen reagieren und dann bremsen. Die Reaktionszeit kommt dann hinzu. Der Reaktionsweg berechnet sich folgendermaßen: (Geschwindigkeit : 10) x 3. Bei 50 km/h sind das 15 Meter, bevor wir in die Pedale steigen. Bei einer Gefahrenbremsung aus 50 km/h im Straßenverkehr brauchen wir ca. 27,5 Meter, bis wir stehen.

Ein Opel weicht auf nasser Fahrbahn einer plötzlich aufschießenden Wasserfontäne aus.
Blickführung ist alles: Wer das Hindernis fixiert, fährt hinein. Wer die Lücke anvisiert, kommt sicher vorbei.

Isabella: Geschwindigkeit – der wahre Spielverderber

Ein paar km/h mehr machen kaum Unterschied? Doch. Enorm sogar. Auf nasser Strecke kann das entscheiden, ob ein Ausweichmanöver gelingt oder das Auto geradeaus schiebt. Trainer Martin brachte es auf den Punkt: „Geschwindigkeit macht Spaß, aber sie verzeiht nichts.“ Nach diesem Tag klingt das nicht mehr wie eine Mahnung, sondern wie eine physikalische Tatsache.

Ein Fahrzeug wirbelt beim Bremsen auf nasser Fahrbahn Wasser auf.
Voller Einsatz: Bei der Gefahrenbremsung lernen die Teilnehmer, dem ABS zu vertrauen und das Pedal voll durchzutreten.

Isabella: Vollbremsung: Vertrauen oder Panik?

Dann endlich Asphalt unter den Reifen. Beschleunigen, Markierung anvisieren, Vollbremsung. Der erste Impuls: festhalten, hoffen, warten. ABS rattert, das Auto vibriert, der Körper spannt sich an. Das Ergebnis: überraschend unspektakulär. Der Wagen bleibt stabil, spurtreu, berechenbar. Beeindruckender wurde es, als wir während der Vollbremsung das Lenkrad loslassen sollten. Mein Kopf schrie: „Mach das nicht!“ Mein Auto sagte: „Alles gut.“ Und tatsächlich: kein Ausbrechen, kein Chaos – nur Stillstand. Ein Moment, der Vertrauen schafft. Gleichzeitig wurde klar, wie sehr sich der Bremsweg auf nasser Fahrbahn verlängert. Ein paar km/h mehr fühlen sich harmlos an, sind es aber nicht.

Marie: Präzision am Lenkrad

Als nächstes wartet ein Slalom-Parcours auf uns. Wir durchfahren ihn mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Mit 50 km/h ist Schluss. Schneller lässt sich der Parcours kaum sauber absolvieren, ohne ein Hütchen zu streifen. Um zu zeigen, welchen Einfluss ein Blick aufs Handy hat, sollen wir in der nächsten Runde eine kurze Textnachricht schreiben. Funktioniert nicht. Die Nachricht ist kaum lesbar und wir können froh sein, dass der Kurs lediglich mit Hütchen abgesteckt ist. Die richtige Sitzeinstellung ist ebenfalls ausschlaggebend. Mit korrekt eingestelltem Sitz kontrollieren wir unser Fahrzeug. Stellen wir die Lehne nach hinten, fehlt uns der Überblick und wir verlieren das Gefühl für unser Auto. Auch Rückwärtsfahren mithilfe der Seitenspiegel funktioniert erstaunlich gut. Da ich keine Rückfahrkamera habe, lasse ich mich gar nicht erst durch Aufnahmen auf einem Bildschirm ablenken. An anderer Stelle simuliert unser Trainer ein einfahrendes Auto. Wir sollen ausweichen und bremsen. Ich dachte, dass bremsen und lenken keine gute Idee sei – funktioniert aber einwandfrei, ohne dass das Auto ausbricht.

Ein Opel Corsa fährt durch einen mit Pylonen abgesteckten Slalom-Kurs.
Präzisionsarbeit: Im Slalom-Parcours zeigt sich, wie wichtig die Blickführung und ein ruhiges Lenkverhalten sind.

Isabella: Ablenkung: Der ­unsichtbare Gegner

Ein weiterer Augenöffner war der Slalom mit Ablenkung. Ein kurzer Blick aufs Handy, ein Knopf zu viel, ein Moment Unaufmerksamkeit – und schon wird aus sauberer Linienführung ein Zickzackkurs. Im Alltag passiert genau das ständig. Nur ohne Pylonen, die verzeihen. Gerade in modernen Autos mit großen Displays und vielen Funktionen merkt man, wie schnell Aufmerksamkeit verloren geht.

Marie: Rutschige Angelegenheit

Während die Vollbremsung auf trockener Fahrbahn funktioniert und die Bremsen direkt greifen, zeigt die Gleitfläche das Gegenteil. Das Auto hat keinen Grip und steht erst nach vielen Metern. Hier hilft nur eins: die Geschwindigkeit stark reduzieren. Wie sieht es mit Gegenlenken aus? Und in welche Richtung lenke ich, wenn mein Auto ausbricht? Das testen wir auf der Schleuderplatte. Wir fahren mit ca. 35 bis 40 km/h an, dann über eine Platte auf die Rutschfläche. Sobald wir nur mit den Hinterreifen auf der Platte sind, zieht diese zu einer Seite weg. Wir müssen schnell reagieren und bis zum Anschlag gegenlenken. Gleichzeitig, aber ruhig und kontrolliert bleiben. Für die Richtung gilt eine Faustregel: Immer in die Richtung lenken, in die ich fahren will, in die mein Blick also geht. Am Anfang lenke ich zu zaghaft und mein Auto dreht sich. In der zweiten Runde lenke ich kräftig und bis zum Anschlag. Dieses Mal funktioniert es und ich bekomme mein Fahrzeug wieder in Spur.

Ein Opel Corsa fährt durch einen mit Pylonen abgesteckten Slalom-Kurs.
Präzisionsarbeit: Im Slalom-Parcours zeigt sich, wie wichtig die Blickführung und ein ruhiges Lenkverhalten sind.

Isabella: Wasser, plötzlich Wasser!

Eines der Highlights wartete auf der bewässerten Strecke. Aus dem Boden schießende Wasserfontänen simulierten plötzlich auftauchende Hindernisse – und wir mussten blitzschnell ausweichen. Hier zeigte sich eine der wichtigsten Lektionen des Tages: Du fährst dorthin, wo du hinschaust. Wer geradeaus starrte, fuhr hinein. Wer die freie Spur anvisierte, kam sauber vorbei. So einfach. Und gleichzeitig so schwer, wenn Adrenalin ins Spiel kommt. Mein A 220 blieb dabei stabil, das ESP arbeitete spürbar, aber nie panisch. Die Technik hilft, fahren muss man trotzdem selbst.

Isabella: Wenn das Heck tanzen will

Dann wurde es ernst an der Schleuderplatte. Ein hydraulischer Impuls wirft das Fahrzeug schlagartig aus der Spur, die Hinterachse verliert Grip, das Auto dreht sich ein. Reflex: festhalten und hoffen. Richtig wäre: entschlossen gegenlenken, ruhig bleiben, Lenkrad ­übergreifen. Theorie allein hilft hier nichts – man muss fühlen, korrigieren, erleben.

Ein großes Dankeschön an den ADAC in Leonberg und Trainer. Wir durften kostenfrei teilnehmen, aber ganz ehrlich: Dieses Training ist jeden Euro wert. Für mehr Sicherheit im Alltag, für ein besseres Gefühl am Steuer und für Situationen, die man hoffentlich nie braucht, aber dann beherrschen sollte.

Ein silberner Mercedes bricht auf einer bewässerten Dynamikplatte (Schleuderplatte) mit dem Heck aus
Reaktionsschnelligkeit gefragt: Der Mercedes A 220 wird auf der Schleuderplatte kontrolliert zum Ausbrechen gebracht, um das Abfangen des Hecks zu trainieren.

Marie: Lohnt sich ein ­Fahrsicherheitstraining?

Der Tag hat mir viel gebracht. Ich habe gelernt, dass man während des Bremsens lenken kann, um einem potenziellen Hindernis auszuweichen, ohne dass das Auto ausbricht. Außerdem, dass das Auto nicht umkippt, wenn man schnell um die Kurve fährt. Und wie man reagiert, wenn es ins Rutschen kommt. Meiner Meinung nach sollte jeder der viel fährt, ein Fahrsicherheitstraining absolvieren, um im Ernstfall richtig reagieren zu können.

Isabella: Mehr als nur ein Kurs

Ich fahre meinen Mercedes seit Jahren. Pendeln, Einkaufen, Autobahn, Stadtverkehr. Dennoch habe ich jetzt noch mehr verstanden, wie viel Sicherheit, Technik und Stabilität tatsächlich in diesem Auto stecken und wie entscheidend mein eigenes Verhalten ist. Routine kann trügerisch sein, denn Grenzsituationen kündigen sich nicht an. Nach diesem Tag blieb vor allem eines: mehr Vertrauen, mehr Bewusstsein, mehr Respekt vor der Physik.

Zwei Teilnehmerinnen halten lächelnd ihre Teilnehmer-Zertifikate des ADAC-Fahrsicherheitstrainings in die Kamera
Geschafft! Nach acht Stunden Intensivtraining nehmen Marie und Isabella stolz ihre Urkunden entgegen.
Alle Bilder: Paul Kubina
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