Komplett versenkbare Griffe an den Seitentüren sind in. Sehen schick aus und pimpen das Design eines Autos. Doch wenn es brenzlig wird, können sie zur tödlichen Falle werden.
Vor allem bei neueren E-Autos sind sie immer öfter zu sehen: Türgriffe, die beim Fahren komplett bündig mit der umgebenden Karosserie sind. Die Hersteller führen ins Feld, dass die Designobjekte Windgeräusche mindern und ein paar Kilometer mehr Reichweite herauskitzeln. Doch diese aerodynamischen Vorteile sind in der Realität minimal. Faktisch sind die Türgriffe, die nur beim Bedarf des Einsteigens elektrisch aus der Blechhaut fahren, einfach nur Show. Eine Show, geliebt von Designern und vom Publikum: cool, auf der Höhe der Zeit, futuristisch. Vielleicht ein Symbol dafür, dass man sich uneinnehmbar in seiner rollenden Festung verschanzen möchte.
Die Kehrseite wird sichtbar, wenn die Show einmal schiefgeht und ein Unfall passiert. Wie sollen Helfer und Retter die Türen von außen öffnen und verletzte Passagiere bergen? Ein tödlicher Unfall in China hat die dortigen Verkehrssicherheitsbehörden zum Umdenken und Umsteuern gebracht. Im vergangenen Herbst starb der Fahrer einer batterieelektrisch betriebenen Limousine in seinem brennenden Fahrzeug. Helfer wären vor Ort gewesen, doch sie konnten die Türen nicht öffnen, um ihn aus dem Wagen zu ziehen. Wo keine Türgriffe sind, gibt es keine schnelle Möglichkeit, von außen zu einzugreifen. China plant nach mehreren vergleichbaren Vorfällen deshalb als weltweit erster Staat verbindliche Sicherheitsregeln für die Schließsysteme von Neuwagen. Sie werden viele der „Hidden Handles“ in ihrer heutigen Form faktisch ausbremsen.
Wenn die Elektrik streikt, lassen sich die Türen nicht öffnen
Das Problem ist, dass bei den meisten Konzepten die Entriegelung primär elektrisch erfolgt – über Sensoren, Tasten, Funkschlüssel oder Smartphones. Wenn nach einem Crash die Bordelektrik ausfällt oder Leitungen beschädigt sind, können die Türgriffe lahmgelegt sein. Rettungskräfte warnen schon lange vor gefährlichen Zeitverlusten, wenn Türen nicht intuitiv und ohne Strom aus dem Bordnetz von außen zu öffnen sind. Auch der Automobilclub ADAC hält rein elektrische Schließsysteme für ein mögliches Sicherheitsdefizit und rät Insassen, die mechanische Notentriegelung von innen vor Fahrtantritt zu kennen. Allerdings lesen sich diese Anleitungen, wo genau die Hebel zum mechanischen Entriegeln der Seitentüren versteckt sind, teils abenteuerlich. Ob das im Panik-Modus eines Unfalls funktioniert? Und wie steht es um verletzte Insassen, die bewegungsunfähig sind?
Neuer Standard: mechanische Türgriffe außen und innen
Der neue Standard, den China einführen will, macht unter anderem Vorgaben für die mechanische Entriegelung von außen und den erforderlichen Greifraum für Rettungskräfte – das bedeutet, die Türgriffe müssen auch für Feuerwehrleute handhabbar sein, die feuerfeste Handschuhe tragen. Außerdem müssen künftig auch die inneren Türöffner verpflichtend mechanisch und klar gekennzeichnet sein. Elektrische Türöffner bleiben erlaubt – aber nur als Ergänzung zu den mechanischen Systemen. Die Details der neuen Verordnung sind noch nicht veröffentlicht, doch plant das zuständige chinesische Verkehrsministerium offenbar, sie schon im kommenden Jahr umzusetzen.
Auch Europa macht Front gegen nahtlos versenkbare Türgriffe
Die europäischen Verkehrssicherheitsbehörden werden diesen Vorstoß mit Interesse verfolgen. Der gemeinsamen europäischen Crashtestnorm EuroNCAP sind rein elektrisch betätigte und versenkbare Außentürgriffe nämlich ebenfalls ein Dorn im Auge. Allerdings geht man in Europa momentan den sanften Weg, bei den EuroNCAP-Tests Fahrzeuge mit elektrisch betriebenen und / oder versenkbaren Außentürgriffen so abzuwerten, dass sie nicht für Bestnoten in Frage kommen.
Gut möglich, dass die chinesischen Vorgaben sich auch in Europa durchsetzen, ohne dass die EU neue Verordnungen erlässt. Denn die Pkw aus China, die in immer größeren Mengen die europäischen Märkte fluten, werden nach den dort gültigen Standards gefertigt sein. Umgekehrt werden europäische Marken, die ihre Fahrzeuge nach China exportieren wollen, sich kaum den Luxus leisten, unterschiedliche Schließsysteme für China und Europa zu entwickeln. So könnte es sein, dass die versteckten Türgriffe bald wieder aus dem Straßenbild verschwinden – sie sind zwar todschick, aber auch lebensgefährlich.



