Ohne E-Autos gäbe es sie nicht: die Reichweitenangst. Überraschenderweise ist sie keine deutsche Erfindung.
Wir Deutschen gelten unter unseren Nachbarn als übervorsichtig. Dafür haben sie sogar einen eigenen Begriff geprägt: the german angst. Beim Thema Reichweite von Elektroautos ist diese Angst zumindest nicht unbegründet.
Bis zu 50 Prozent weniger Reichweite als die Hersteller angeben
können es unter ungünstigen Bedingungen sein. Die große Kluft erklärt sich, weil die Herstellerwerte nach einer Norm und auf dem Prüfstand gemessen werden. Die Laborbedingungen dieser WLTP-Norm (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure) sind 23 Grad Außentemperatur, kein Wind, kein Regen. Klimaanlage und Heizung sind ausgeschaltet, der Reifendruck ist optimal und das Fahrzeug wenig beladen. Wie oft herrschen im Alltag diese Top-Bedingungen? Seltenst: Bei zügiger Autobahnfahrt im Winter kann der Energieverbrauch um 50 Prozent höher liegen und die Reichweite proportional dazu zusammenschmelzen.
Weil wir Deutschen nun wirklich nicht die Pioniere der E-Mobilität sind, geht auch das Copyright für die Reichweitenangst nicht an uns. Geprägt haben die „range anxiety“ in den 1990er-Jahren in den USA die Besitzer eines GM EV1, der das erste moderne E-Auto war. Er kam mit einer Akkuladung etwa 100 Kilometer weit, was zum Berufspendeln in der Metropole Los Angeles reichte – oder manchmal eben nicht. In Europa ging die Reichweitenangst erstmals in Norwegen um: In den 2010er-Jahren gab es dort den E-Winzling Think City mit ebenfalls knapp bemessener Reichweite. „Rekkeviddeangst“ kam 2013 bei der Wahl der Wörter des Jahres in Norwegen auf den zweiten Platz.



