Ersatz-Autoteile aus einer Pappkiste

Gefährlich
billig

Mit gefälschten Auto-Ersatzteilen machen Betrüger schon lange krumme Geschäfte. Der Online-Handel wirkt nun als zusätzlicher Verstärker, denn den Fälschern ist in den Untiefen des Internets kaum beizukommen.

Online shoppen bei Temu, Shein & Co.: herrlich billig. Wenn die Ware dann nach einiger Zeit ankommt, folgt die Bestätigung: einfach nur billig! Was bei Schrottklamotten, die einmal oder keinmal getragen gleich wieder in der Tonne landen, ein Nachhaltigkeitsproblem ist, kann bei Fake-Ersatzteilen zum Sicherheitsrisiko werden. In Online-Shops wird zu sensationellen Tiefpreisen ziemlich alles feilgeboten, was verschleißen oder kaputtgehen kann: Neben den üblichen Verdächtigen wie Wischerblätter, Zündkerzen oder Filtereinsätzen lassen sich auch Bremsenkomponenten, Fahrwerksteile, Kompletträder und sogar Airbag-Lenkräder bestellen. Wie kommen die günstigen Preise zustande? Zocken uns die Original-Hersteller mit überteuerten Ersatzteilen dreist ab? Die Antwort ist ein klares Nein: Qualität und geprüfte Sicherheit machen den Preisunterschied. Auch wenn Billigteile auf den ersten Blick ganz gut aussehen, erfüllen sie meist keinerlei technische Standards, und fast immer kommen sie aus undurchsichtigen Quellen.

Illegale Geschäfte in riesigem Ausmaß

Mercedes-Benz, neben Größen wie BMW, Bosch oder VW eine der meistkopierten Marken, hat jüngst wieder Alarm geschlagen: Im vergangenen Jahr wurden bei 793 international organisierten Razzien mehr als 1,5 Millionen Plagiate beschlagnahmt und vernichtet. Die Volkswagen-Gruppe beziffert ihren jährlichen Schaden durch Produktfälschungen auf etwa 5,7 Millionen Euro. Käufern, die bei solchen Billig-Angeboten zuschlagen, droht doppelter Schaden: der finanzielle Verlust durch die wertlosen Ersatzteile und das Risiko eines Unfalls. Das Versagen einer gefälschten Bremse kann am Ende sogar Menschenleben kosten. Wird nach einem Unfall das Fahrzeug durch einen Sachverständigen begutachtet und kommt er zum Ergebnis, dass ein gefälschtes Teil unfallverursachend war, kann die Kfz-Versicherung ihre Leistung komplett verweigern.

Die Waren stammen aus Billiglohnländern, wo sie von organisierten Produktfälschern hergestellt werden. Die Zielgruppe der Produzenten und ihrer Händler sind Endkunden, aber auch kleine Werkstätten, die Ersatzteile bevorzugt über das Internet besorgen. Mittlerweile stammen 60 Prozent der sicherheitsrelevanten Produktfälschungen in der EU aus dem Online-Handel. Das Risiko der Fälscher, mit ihren Shops aufzufliegen, ist gering: Die Strafverfolgung über Ländergrenzen und Kontinente hinweg ist kompliziert und langwierig.

Bremsscheiben Auto
Bremsscheiben lassen sich aus allerlei Stahllegierungen gießen. Doch nur hochwertige Stahlsorten halten den thermischen und mechanischen Belastungen des täglichen Betriebs stand. Bild: AdobeStock/ ff-fotodesign

Nachgeahmte Bauteile auf dem Prüfstand

Mercedes-Benz testet stichprobenartig beschlagnahmte Plagiate und kommt regelmäßig zu Ergebnissen, die aufschrecken sollten. Bei Bremsbelägen führten unklare Materialzusammensetzungen und geringere Materialstärken zu alarmierend schlechteren Testergebnissen. In mehreren Fällen lag zwischen Plagiat und Original mehr als eine Wagenlänge Bremsweg. Auch täuschend echt wirkende Kopien hochwertiger Leichtmetallräder hat der Autohersteller untersuchen lassen. Das Ergebnis: Bei Belastungstests traten Materialrisse auf, die auch mit bloßem Auge sichtbar waren; ein Auseinanderbrechen der Felge wäre nur eine Frage der Zeit.

Bei Dieselfahrzeugen sämtlicher Hersteller kann es sehr teuer werden, gefälschte billige Rußpartikelfilter einzubauen. Die Originalteile haben einen langlebigen Filterkern in einer auf den Motortyp abgestimmten Größe. Die nachgeahmten Produkte im Kleid des Originalherstellers enthalten zwar meist ebenfalls einen Filterkern, doch ist dieser kleiner und besteht aus minderwertigem Material. Zunächst funktionieren die Filter fast wie echt, doch setzen sie sich schneller zu. Das führt zu einer häufigeren Regeneration und infolgedessen zur Erhitzung des Motors. Am Ende droht ein kapitaler Motorschaden.

Wie lassen sich Produktplagiate erkennen?

Schwieriges Thema, denn die Fälscher agieren oft geschickt. Ein Indiz sind Buchstabendreher, Schreibfehler, schlecht nachgemachte oder veraltete Herstellerlogos auf den Verpackungen. Für das Erkennen falscher Seriennummern, nicht funktionierender Barcodes oder fehlender Sicherheitshinweise und Produktionsdaten braucht es schon ein geübtes Auge oder eine entsprechende Software. Der deutlichste Hinweis für Unstimmigkeiten ist aber der Preis. Der Verkaufspreis eines originalen Ersatzteils lässt sich leicht im Handel oder auf den Websites der Hersteller ermitteln. Bei einer Preisdifferenz von mehr als 20 Prozent ist Vorsicht geboten, 50 Prozent oder mehr sind ein fast sicheres Indiz für eine Fälschung.

Die meisten Produktfälschungen, die online angeboten werden, stammen aus Asien. Bei den entsprechenden Online-Shops sollte man genau hinschauen: Ist das Impressum vollständig, und verweist es auf ein Unternehmen mit Sitz in der EU? Sind Rückgaberecht, Rücksendung und Gewährleistungsbedingungen klar geregelt? Sind in der Produktübersicht die Herkunft, Marke und Teilenummer eindeutig angegeben? Lobende Kundenbewertungen auf den Händlerseiten sind keinen Pfifferling wert, während sich auf unabhängigen Plattformen und in Online-Foren unseriöse Angebote schnell herumsprechen. Einfach mal googeln und kritisch bewerten, was die Netzgemeinde an Informationen austauscht.

Wie schützen sich die Hersteller?

Die Industrie versucht, den Fälschern mit Sicherheitsmerkmalen das Geschäft zu erschweren. Nahezu alle Hersteller nutzen dafür einen sogenannten MAPP-Code (Manufacturers against Product Piracy / Originalhersteller gegen Produktpiraterie). Dieser enthält eine originäre, weltweit einmalige Identifikationsnummer, die Verpackungen oder Teile kennzeichnet. Der Code kann über kostenlose Apps gescannt und auf seine Echtheit überprüft werden. Auf vielen Verpackungen sind außerdem holografische Etiketten zu finden, auf denen das Firmenlogo und Wörter wie „Original“ stehen können. QR-Codes auf Verpackungen und Originalteilen können ebenfalls den Hersteller und die Echtheit verifizieren. Allerdings sind auch QR-Codes nicht absolut fälschungssicher …

Titelbild: AdobeStock/Fexri (Generiert mit KI)
Zurück zur Startseite

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen