Modellpflege für
Euro-Crashtest

Die Normen für die standardisierten europäischen Crashtests werden in diesem Jahr neu formuliert. So soll die Verkehrssicherheit weiter verbessert werden.

Knapp 30 Jahre ist es her, dass erstmals Neuwagen in Crashtests nach der Euro-NCAP-Norm bewertet wurden. Nun wird das Regelwerk gründlich aufgefrischt. Um die aktuellen technischen Entwicklungen abzubilden. Euro-NCAP steht für European New Car Assessment Programme‚ auf Deutsch Europäisches Neuwagen-Bewertungs-Programm. Den dafür zuständigen Verband bilden europäische Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel. Er organisiert Crashtests mit neu auf den Markt kommenden Automodellen und bewertet anhand der Testergebnisse und der verbauten Sicherheitssysteme das Niveau von Fahrzeug- und Insassensicherheit sowie Fußgängerschutz. Die Euro-NCAP-Tests sind nicht gesetzlich vorgeschrieben, haben sich jedoch als Orientierungshilfe für Konsumenten fest etabliert und bewährt.

Vier Aspekte der Bewertung

Die Neudefinition, die mit Jahresbeginn wirksam wurde, ist laut Euro-NCAP die größte Reform seit 2009, als eine Gesamtwertung mit dem Maximalwert von fünf Sternen eingeführt wurde. Die Sicherheit wird nun in vier separaten Aspekten bewertet: Fahrverhalten, Unfallvermeidung, Crashverhalten sowie Sicherheit nach einem Unfall. Jeder Block wird mit bis zu 100 Punkten bewertet; Mindestwerte in jedem Einzelbereich sind Voraussetzung für die maximal erreichbaren fünf Sterne in der Gesamtnote.

Mehr Tests im Realverkehr

Assistenzsysteme werden jetzt nicht mehr nur unter Laborbedingungen geprüft, sondern auch im realen Straßenverkehr. Systeme, die vor drohenden Unfällen warnen und sie verhindern sollen, werden auch daraufhin bewertet, ob sie den Menschen am Steuer mit zu vielen Informationen nerven oder gar unberechenbar eingreifen. Diese unerwünschten Effekte führen zu Abwertungen. Auch die Bedienlogik ist ein Bewertungskriterium, beispielsweise ob wichtige Funktionen über physisch vorhandene Tastschalter bedienbar sind und damit weniger vom Geschehen auf der Straße ablenken.

Tests für den Fußgängerschutz umfassen auch Kollisionswarnsysteme. Bild: Euro-NCAP

Beim Testkriterium Unfallvermeidung werden zusätzliche Szenarien überprüft, etwa Stadtverkehr mit Radfahrern, Fußgängern und motorisierten Zweirädern. Beim Crashverhalten berücksichtigen die neu definierten Tests ein größeres Spektrum unterschiedlicher Körpergrößen, -typen und -gewichte: von Kinderdummies bis zu sehr großen und gewichtigen Erwachsenen. Außerdem wird der Fußgängerschutz beim Anprall gegen die Frontscheibe stärker gewichtet.

Und was passiert nach einem Unfall?

Ein relativ neues Testfeld – auch bedingt durch die zunehmende E-Mobilität – ist die Fahrzeugsicherheit nach einem Unfall: Euro-NCAP testet nach den Crashversuchen, ob rein elektrisch gesteuerte Türgriffe noch funktionieren, ob Hochvoltbatterien sicher abgeschaltet werden und ob das Fahrzeug vor dem Risiko eines Batteriebrands warnt – auch beim Laden nach einem Unfall. Notrufsysteme auf neuestem technischem Stand sollen darüber hinaus die Zahl der Insassen zuverlässig übermitteln, um Rettungskräften die Arbeit zu erleichtern.

Schicke Gimmicks können Punktabzug geben

Die neuen Kriterien haben zur Folge, dass beispielsweise Automodelle, die ausschließlich per Touchscreen zu bedienen sind und / oder deren Türgriffe nahtlos in die Karosserie eingezogen werden, kaum Aussichten haben, mit Bestnoten im Test abzuschneiden. Auch Modelle, die neu auf den Markt kommen, ohne die volle Bandbreite des heute technisch Möglichen anzubieten, werden entsprechend abgewertet. Das erinnert an die Anfänge von Euro-NCAP mit den ersten standardisierten Crashtests: Die Autoindustrie brauchte einen zeitlichen Anlauf, um Bestbewertungen zu erreichen. Dass die Industrie die Euro-NCAP-Normen seither als wichtige Richtschnur wahrnimmt, ist ein Beleg dafür, dass sich die Institution als Orientierung für Konsumenten und als Wegbereiter der Verkehrssicherheit mehr als bewährt hat.

Titelbild: Euro-NCAP
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