Nur selten ist jemand so schlecht wie sein Ruf, was laut einer aktuellen Studie auch für die deutsche Automobilindustrie gilt: Sie erhöht massiv das Tempo bei Innovationen in der Elektromobilität.
Zu langsam, zu unflexibel, zu teuer. Dieses Bild zeichnet die mediale Öffentlichkeit in der Regel von den deutschen Automobilmarken und ihren E-Fahrzeugen. Das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, geleitet vom medial sehr präsenten Automobilwirtschaftsexperten Prof. Stefan Bratzel, kommt zu anderen Ergebnissen. Sie stützen sich auf wissenschaftliche Betrachtungen der Innovationen, die Automobilunternehmen auf die Straße bringen.
In jährlich erscheinenden Berichten, in diesem Fall dem Electromobility Report 2026, bilanziert das Forschungsinstitut globale Markt- und Innovationstrends. Das CAM-Ranking für Elektromobilität bewertet die Leistungen der 35 wichtigsten Hersteller von reinen E-Autos (BEV) auf Basis von 874 einzeln bewerteten Innovationen vom Konzept bis zur Serie. Vergleichszeitraum sind die Jahre 2020 bis 2025. Im vergangenen Jahr identifizierten die Autoren der Studie 162 Neuerungen, ordneten sie den Kategorien „Reichweite“, „Ladeleistung“ und „Verbrauch“ sowie „E-Auto-Ökosystem“ zu und bewerteten sie mit Indexpunkten.
Das aus deutscher Sicht wichtigste Resultat der Untersuchung: Deutsche Autohersteller haben bei Elektroauto-Innovationen 2025 viel Boden gegenüber der chinesischen Konkurrenz gutgemacht. 32,4 Prozent der weltweiten Innovationen im Bereich Elektromobilität kamen von chinesischen Herstellern, 31,9 Prozent der Neuerungen steuerten deutsche Marken bei. In den Vorjahren hatte der deutsche Anteil noch zwischen 20 und 25 Prozent gelegen, während chinesische Hersteller 40 Prozent und mehr erreichten.
In den Top-Ten der Automobilkonzerne liegt erstmals die chinesische Geely-Gruppe vorn. Dahinter folgt der deutsche Volkswagen-Konzern vor BYD, ebenfalls in China beheimatet. BMW verbesserte sich von Rang zehn auf fünf, Mercedes behauptete Platz sieben. Absteiger sind unter anderem Tesla, Hyundai und Stellantis. Tesla fiel dabei erstmals aus den Top Drei des Innovationsrankings heraus. Die Studie belegt außerdem, dass Innovationen und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen: Die Top-6 der innovationsstärksten Hersteller sind zugleich die sechs absatzstärksten Marken im Gesamtjahr 2025 und im ersten Quartal 2026.
Der Blick auf den Rest der Welt zeigt, dass Regionen wie Japan, Südkorea und Europa (ohne Deutschland) seit 2020 auf niedrigem Niveau nahezu stagnieren. Besonders auffällig ist der Absturz der USA, dominiert vom einstigen Elektroauto-Pionier Tesla: Hier zeigt die Innovationskurve steil nach unten. Marktbeobachter werten dies als ein Indiz dafür, dass Tesla seinen Zenit überschritten hat und dass Unternehmensgründer Elon Musk das Rennen gegen die chinesische E-Auto-Industrie nicht mehr für aussichtsreich hält. Zumal Produktentwicklungen wie Cybertruck und Robovan wenig Wirkung zeigen. Offenbar fließt das Innovationskapital im Musk-Imperium mittlerweile in andere Konzern-Sektoren wie Raumfahrt, Robotik und KI. Ganz gegen diesen Trend hat sich Tesla allerdings 2025 nochmals den Thron des weltweit absatzstärksten Herstellers von Elektroautos zurückerobert.



